Verkommen, verrucht und verstaubt – so erlebten wir Tanger nicht!

Lang, lang ist es her, dass Tanger zur Internationalen Zone gehörte und für Millionäre und Künstler attraktiv war - Künstler gibt es sicher heute auch noch in Tanger und neue Millionäre sind bestimmt auch gekommen … aber andere …

5. Dezember 2011 - Tanger

Bereits vor dem ersten Ruf des Muezzin näherte sich die AIDAbella dem Hafen. Es war noch dunkel - Lichterketten zeigten uns die Lage der Stadt. Es wurde heller und heller, weiße sowie blaue Häuser schälten sich aus der Dunkelheit

Tanger am frühen Morgen
Tanger im Morgengrauen

und dann - brannte der Himmel …

Die Sonne kommt - Tanger erwacht - für Dich, Meerelfe!

Leider konnten wir den Sonnenaufgang nicht länger genießen, denn der Magen knurrte und unser Ausflug "Tanger und Umgebung" begann um 8.45 Uhr.

Unser Reiseführer Mohammed und unser Busfahrer Achmed (ob das die richtigen Namen waren?) zeigten uns zunächst Tanger. Es ging kreuz und quer durch die Stadt.

unterwegs in Tanger
unterwegs in Tanger

Einige Stadtteile unterschieden sich nach dem Stand der Bewohner. So konzentrierte sich der Mittelstand (auch viele ehemalige "Gastarbeiter") in einem Teil, der Reichtum in einem anderen und die Mega-Reichen wie saudische Prinzen und russische Superreiche in einem dritten Teil. Zugegeben, die Anwesen letzterer lagen eher am Rande Tangers, sahen nicht schlecht aus und waren nicht allzu klein - eher zum Verlaufen … Fotos aus dem Bus heraus lohnten sich leider nicht - die Fensterspiegelung war zu stark. Den Stadtverkehr konnte man nicht mit unserem vergleichen - er war chaotisch, lief aber problemlos mit viel Gehupe. Verkehrspolizisten standen an exponierten Stellen und überzeugten vermutlich allein durch ihre Anwesenheit.

Schnell verließen wir Tanger, fuhren durch Pinien- und Eukalyptuswälder und an grünen Wiesen und Feldern vorbei. Ein fruchtbarer Landesteil mit genügend Wasser. Kurz vor unserem Teilziel Cap Spartel sahen wir die Atlantikküste. Langgezogene, breite Strände mit Hotelanlagen - fertig gestellte und im Bau befindliche. Touristen außer AIDA-Passagiere sahen wir so gut wie gar nicht. Die Saison wird angabegemäß erst im April beginnen.

Auf dem Parkplatz beim Cap Spartel zeigte sich die Fahrkunst der marokkanischen Busfahrer. Ein kleiner Park- und Wendeplatz, auf dem kurz nacheinander vier oder fünf Busse wenden und ihren Platz finden mussten. Aber das Beobachten der lautstarken Parkmanöver war nicht der Hauptgrund unserer Anwesenheit sondern das Cap Spartel. Hier treffen sich Atlantik und Mittelmeer, dokumentiert durch einen malerisch gelegenen Leuchtturm.

Leuchtturm am Cap Spartel

Leider darf man das Gelände um den Leuchtturm nicht betreten; man kann auch nicht direkt an das Meer, da es aufgrund der strategischen Lage militärisches Sperrgebiet ist. Aber von der Terrasse des Restaurants, auf der wir ein Glas marokkanischen Pfefferminztee und Kekse genossen, hatten wir einen herrlichen Blick auf Cap und Umgebung - insofern lohnte sich der Ausflug. Und wer Andenken aus Marokko kaufen wollte, konnte es bei den geduldig auf Touristen wartenden Händlern am Rande des Parkplatzes. Keramik, Ledergürtel, Kamele aus Holz, Kaftans und vor allen Dingen geöffnete Drusen mit Amethysten warteten auf Käufer. Handeln bis zum letzten war unvermeidbar - wir handelten und kauften aber nicht …

man weiß, wohin die Touristen kommen - Cap Spartel

Weiter ging´s - nach 4 km kamen wir zu den Herkulesgrotten. Vor vielen, vielen Jahren hatte Herkules die Idee, Europa von Afrika zu trennen. Er spaltete die damals existierende Landbrücke und so einfach entstand die Meerenge mit dem Felsen von Gibraltar - letzterer wurde im Altertum als Säulen des Herkules bezeichnet. Die erledigte Arbeit war verdammt hart - spaltet Ihr ´mal ´so eben einen Kontinent … Herkules zog sich zum Ausruhen in die Kalksteinhöhle zurück.

in der Herkules-Grotte/Marokko

In den Höhlen wurde in früheren Zeiten Kalk abgebaut. Heute bieten sie nicht allzu viel - bis auf die Höhlenöffnung zum Meer hin, die den Umriss von Afrika verzerrt wiedergibt.

seewärtiger Ausgang der Herkules-Grotte - ein wenig verzerrter Umriss von Afrika

Und natürlich ein Verkaufsangebot in der Höhle - und wer erwartete uns nach dem Verlassen der Höhle vor den Bussen - natürlich die Händler … Eine Mitreisende kaufte einen roten, mit goldenen Bordüren bestickten Kaftan. Sah vor der ersten Wäsche nicht schlecht aus … der Kaftan und nicht die Mitreisende (sie aber auch nicht …)! Je näher sie dem Bus kam, desto preiswerter (oder billiger) wurde der Kaftan. Zunächst betrug der Preis € 30, dann € 20 und bei € 10 schlug sie zu - alle waren glücklich …

Wir schauten uns statt der Angebote lieber kurz die Umgebung an - da hatten wir mehr von …

Foto 123

Ach ja, die glückliche Eigentümerin des nagelneuen roten und mit goldenen Bordüren bestickten Kaftans stellte in Aussicht, ihn zum Abendessen anzuziehen; doch wir sahen die rotgolde Dame nicht in dieser Kluft während des Essens …

Wir verließen den Atlantik und fuhren wieder Richtung Mittelmeer - Tanger war ja nicht weit. Vor dem Tor zur Kasbah (Burg)

Tanger: Tor zur Kasbah

stiegen wir aus und schon waren wir in den Gassen der Altstadt. Weiße Hauswände, bunte Hauswände; gut gepflegte Wände, abbröckelnder Putz;

in der Medina von Tanger
in der Medina von Tanger

nicht sehr saubere Gassen, dann wieder blitzsaubere Passagen und Durchgänge;

in der Medina von Tanger
in der Medina von Tanger

ein Eldorado für Elektriker mit Lebensaufgabe, um dem offenen Kabelgewirr Herr zu werden; wunderschöne schwere Haustüren, unansehnliche, dem Zerfall herbeisehnende Türen;

in der Medina von Tanger
in der Medina von Tanger

frisch gestrichene ornamentenreiche Tür- und Fenstergitter;

in der Medina von Tanger
in der Medina von Tanger

ab und zu gepflegte öffentliche Gebäude wie Schulen und auch Grabmäler

in der Medina von Tanger

- Kasbah und rundherum die Medina - ein Viertel der Gegensätze! Teilweise abstoßend und vielleicht auch gerade deshalb anziehend und interessant.

Wir besuchten, von Mohammed und seinem neuen Assistenten, der uns nervend auf jede einzelne Stufe hinwies, gut bewacht die einzelnen Kaufmanns- und Handwerkerviertel.

Bücherei in der Medina von Tanger
in der Medina von Tanger - Hosen gefällig?

Gassenweise konzentriert man sich z.B. auf die Näher (übrigens nahezu Männer), die Silberschmiede, Lebensmittelläden, in denen Obst, Kräuter und Gemüse malerisch angeboten werden,

zum Reinbeißen frisch - in der Medina von Tanger

oder nackte Hühner in den Auslagen hängen oder Gewürze angeboten werden. Ein Bauer bot mit farbenfrohen Federn versehene leblose Hühner einem Metzger an.

in der Medina von Tanger

Wir waren zur Haupteinkaufszeit in der Medina. Die Gassen waren brechend voll, so dass man mitunter Probleme hatte, den Anschluss nicht zu verlieren.

Wir verließen die Medina zunächst am Grande Socco, ein Platz mit vielen Teestuben und der wichtigste Marktplatz der Medina. An überdachten Ständen wurden Blumen, Gemüse, Obst, Gewürze, …, angeboten. Mitten auf dem Platz sprudelt ein Brunnen, den Platz begrenzt die Moschee Sidi Bou Abib.

Tanger: Grande Socco und Moschee Sidi Bou Abib

Und nochmals ging es ins Getümmel.

Tanger: Tor zur Medina am Grande Socco

Wie zuvor begleiteten uns fliegende Händler, die immer preiswerter werdende Rolex-Uhren, Silberarmbänder, Ledertaschen, Holzkamele und kleine Trommeln anboten. Sie waren nicht so aufdringlich wie früher - man musste nur beharrlich sein und freundlich ablehnen. Irgendwann merkten die Händler, was man will oder eher nicht will …

Halt, beinahe hätte ich den in Tanger unverzichtbaren (?) Stopp in der Naturheilmittelapotheke vergessen. Salben, Öle, Hennalippenstifte und Gewürze wurden präsentiert. Auch wir kauften - wie beabsichtigt - Kreuzkümmelpulver und Safran zur Auffüllung unserer heimatlichen Vorräte.

Ein zusätzlicher viertelstündlicher Aufenthalt in einem Laden mit Teppichen, intarsienverzierten Waffen, Töpferwaren, Schmuck, Keramik, Holzschnitzereien, Lederwaren und traditionellen Kleidern war u.E. nicht angebracht.

Tanger: hier bekommt man fast alles, was das Herz (nicht) begehrt ...
... auch Teppiche - moderne und traditionelle

Alles sah zwar gut aus, doch was soll man mit Unmengen von Urlaubsmitbringseln (eigene Fotobücher sind uns lieber!) - schließlich setzten die kg-Vorgaben der Fluggesellschaften - in diesem Fall vernünftige - Grenzen … Übrigens, auch in diesem Geschäft sanken die Preise der Artikel weiter im Preis, je mehr man Desinteresse zeigte.

So, der Medina-Besuch klang am Hotel Continental aus.

Hotel Continental in Tanger

Es wurde 1885 erbaut und war zu den goldenen Zeiten Tangers Unterkunft von berühmten Persönlichkeiten aus der ganzen Welt. Wer althergebrachtes Ambiente und stilvolle marokkanische Ausstattung schätzt und nicht unbedingt Luxus verlangt, soll in diesem Hause gut aufgehoben sein. Von seiner Terrasse hat man traumhafte Ausblicke - der Hafen lag direkt unter uns. Dann Meer und noch weiter weg Spanien.

Hafen von Tanger - Ausblick von der Terrasse des Hotel Continental
Tanger - Ausblick von der Terrasse des Hotel Continental

Schnell brachte uns der Bus zurück zur AIDAbella, wo wir uns zunächst stärkten und dann die Sonne genossen. Ja, auch am 5. Dezember 2011 hatten wir wieder Bombenwetter, das sich bis zum Abend hielt.

Wir beobachteten, wie die Fischerboote in den Hafen zurückkehrten

Tanger - die Hauptarbeit ist getan ...
Tanger - Fischerboote suchen den Hafen auf

und warteten auf den Sonnenuntergang - er enttäuschte uns nicht. Zwar war er nicht so spektakulär, aber es sah schaurig schön aus, wie die Sonne hinter den weißen und blauen Häusern Tangers verschwand.

die Sonne verlässt Tanger

Noch vor unserer üblichen Abendessenszeit verließ die AIDAbella das interessante und kurzweilige Tanger.

sail away, Tanger

Und was passierte nach dem Verlassen des Hafens? Nicht viel - oder doch? Abendessen, eine Runde Bingo, der übliche Bordrundgang und dann Bettruhe. Und was erwartete uns am nächsten Tag - ein Seetag mit der Möglichkeit, die Erlebnisse der vergangenen Tage sacken zu lassen …

Zielgebiet
Kanaren
Schiff
AIDAbella
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