Wiedersehen mit der Vergangenheit

von  Kapitän Kurc 25. August 2008 23:45
Wiedersehen mit der Vergangenheit

Mit der Seefahrtsromantik ist es so eine Sache. Sonnenauf- und untergänge, das weite Meer, der endlose Himmel, La Paloma ohe... Herrlich! Aber wenn man in 45 Metern Höhe stundenlang auf einem Mast sitzt, durstig, hungrig, müde und durchnässt, dann ist Romantik ein sehr weit gefasster Begriff.

 

Fast 30 Jahre ist es nun her, dass ich diese Erfahrung gemacht habe. Damals war ich vier Monate lang als Kadett auf dem Dreimaster "Dar Pomorza" unterwegs. Trotz aller Anstrengungen und Entbehrungen war das für mich eine wunderbare Zeit, die ich nie vergessen werde.

 

Seit unserem letzten Anlauf des Sommers im polnischen Gdynia ist die Vergangenheit plötzlich wieder ganz nah. Denn ich war für einen Tag wieder auf der "Dar Pomorza". Ein wunderschönes Schiff! 91 Meter lang, die Segel so weiß wie der Rumpf, vor 99 Jahren in Hamburg gebaut, aber immer noch rüstig. Seit 1983 liegt es als Museumsschiff am Pommerschen Hafenkai.

 

Prachtexemplar Dar Pomorza heißt auf Deutsch "Gabe Pommerns"

Im Mai 1979 starteten mit mir 120 Kadetten und 40 Mann Besatzung von Gdynia aus auf ein großes Abenteuer: Einmal Amerika und zurück! Ich studierte damals an der Hochschule für Seefahrt in Stettin Nautik und nur 10 Plätze wurden unter den Studenten vergeben. Keine Frage, dass ich diese Chance nutzen wollte. Dafür nahm ich auch die einjährige Vorbereitung in Kauf. Der Fleiß und die Mühe hatten sich gelohnt - ich gehörte zum Kreis der Auserwählten. Es ging also auf große Fahrt!

 

Schiffsglocke der Dar Pomorza Die Schiffsglocke hat glücklicherweise nicht zum letzten Stündlein geschlagen Die Reise führte uns von Gdynia/Polen nach Plymouth/England, Santa Cruz/Kanaren, dannüber den großen weiten Atlantik nach Port Hamilton/Bermudas, weiter nach Savannah in Georgia und Philadelphia in den USA. Von dort aus weiter nach Ponta Delgada/Azoren und über Ostende/Belgien und Bremerhaven schließlich im August 1979 nach vier Monaten wieder zurück in unseren Heimathafen. Das Leben an Bord war hart, aber herzlich. 80 Mann schliefen in einem großen Raum in Hängematten Seite an Seite. Viel Platz hatten wir nicht. Tagsüber war hier der Speisesaal. Nachts wurden die Tische zusammen geklappt und an der Decke befestigt. Romantik a la Jack Gordon Augen zu und durch: Unser Schlafzimmer auf der Dar Pomorza

 

Wovon wir auch nicht viel hatten, war Wasser. Als wir von den Kanaren aus zur Atlantiküberquerung starteten, standen lediglich 2 oder 3 Tonnen Trinkwasserauf dem Deck. Da war Sparen angesagt. Plötzliche Regengüsse waren eine prima Dusche - also alle Mann an Deck, nackt und mit Seife bewaffnet.

 

Auf der besonders stürmischen Überfahrt von Philadelphia zu den Azoren wurden einige meiner Kollegen seekrank. Das hieß für uns doppelte Arbeit: Messingputzen, das Deck schrubben und Kartoffeln schälen im Akkord. Zur Sicherheitwaren an den Seiten Sicherungsseile und Netze festgemacht, so dass auch keiner von uns weggespült wurde.

 

Meine Aufgabe an Bord war die 2. Wache auf dem mittleren Mast (Großmast) in der obersten Reihe. Das Ganze in einer Höhe von etwa 45 Metern! Damit wir auch fit und geschmeidig blieben, starteten wir mit Frühgymnastik in den Tag: einmal den Mast hoch und runter klettern! Zu unseren ständigen Übungen gehörte neben demUnterricht in Astronavigation und weiteren Fächern auch die Leinenkunde. Wir mussten Leinen anhand der Struktur und Dicke nur durch Ertasten erkennen und ihrer Funktion zuordnen. Keine leichte Übung ...

Mein Arbeitsplatz Mein Arbeitsplatz bei Wind und Wetter - 45 m hoch und tolle Aussicht

Oft hatten wir mit Müdigkeit und ständigem Hunger zu kämpfen. Das war auch der Grund, warum die Nachtwache bei uns so beliebt war. Wir hatten nämlich einen kleinen Trick, um an frisches Brot zu kommen. Als Kadetten bekamen wir meistens Brot, das schon einige Tage alt war. Während der Nachtwache sahen wir aber, wie der Bäcker sein frisch gebackenes Brot zum Auskühlen ins Freie stellte. Die Chance für uns, unser altes Brot gegen das frische, duftende, noch warme Brot auszutauschen, das eigentlich für unseren Kapitän und die Offiziere gedacht war!

 

Nicht nur deshalb waren die Monate auf der "Dar Pomorza" ein einmaliges Erlebnis, das ich niemals bereut habe. Sollten Sie mal nach Gdynia kommen, besuchen Sie unbedingt die "Weiße Fregatte", wie das Schiff im Volksmund auch genannt wird. Eine sehr interessante Ausstellung erzählt von ihrer langen Geschichte, vom Arbeiten, Leben und Lernen an Bord und von der Seefahrt in früherer Zeit, die eben mal mehr, mal weniger romantisch war. Ruhe nach stürmischen Zeiten Hier fehlt eigentlich nur noch der "Seewolf"  

Ich freue mich, dass Sie mich auf dieser kleinen Reise in meine Vergangenheit begleitet haben.

Herzliche Grüße und bis bald, Ihr Kapitän Prem Kurc In voller Schönheit Bei diesem Anblick wird auch ein Piratenherz ganz weich

 

So schön!!

Hallo Herr Kapitän Kurc,


dieser Bericht liest sich so wunderbar!! Einfach toll!


Viele Grüße,


Alexander Vassiliadis

von Greeksailor am 24. November 2008 um 00:10 Uhr

Sehnsucht nach dem Meer,

 ...sind es doch oft bekannte Bücher oder Filme , die uns begleiten und romantische Vorstellungen auslösen. Aber was für ein harter Start in das Berufsleben eines Kapitäns zur See in der Neuzeit, hätte ich nicht gedacht, deshalb vielen Dank für diesen Bericht und vorallem die Fotos  dazu .Wenn wir abends bei einer Hafenausfaht von der Diva nach unten schauten, bekommt man schon Respekt für die Dimensionen , aber erst auf dem Großmast in der Höhe wie beschrieben zu balancieren und Wache stehen, ich würde nicht einmal hochklettern vor Angst!!


Als Kind lernten wir das Ausbildungsschiff der damaligen DDR in Rostock kennen, wir wuchsen in der Chemieregion um Halle / Leipzig auf, da waren Ferien an der Ostsee etwas ganz besonderes und "Schiffe" ansehen ein tolles Erlebnis, Schifffahrtsmuseum in Stralsund auch empfehlenswert u.v.mehr....


- vielleicht reisen wir deshalb als Landratten -smile- so gern mit AIDA ??


Nochmals vielen Dank und allzeit GUTE FAHRT wünschen K.& A.

von andykat84 am 07. September 2008 um 18:45 Uhr

Romantik

Was auf den ersten Anblick einfach nur romantisch aussieht, wird zur harten Arbeit, wenn man es genauer betrachtet. Aber auch zur schönen, wie Sie geschrieben haben. Es war ein sehr interessanter Bericht, schade dass wir "Ihr" Schiff in Gdynia nicht gesehen haben, als wir im Juli mit Ihnen dort waren.


Ganz lieben Gruß


Babs

von thabsbabs am 02. September 2008 um 00:48 Uhr

Wunderschön!
Vielen Dank, dass Sie Ihre Erinnerungen auf so schöne Weise mit uns allen geteilt haben! Große Segelschiffe haben mich schon immer sehr fasziniert, daher habe ich mich sehr über den Bericht gefreut! Lieben Gruß und allzeit gute Fahrt! Sandra 

von Sanny am 27. August 2008 um 22:13 Uhr

Reise in die Vergangenheit...

Ich habe den Bericht begeistert gelesen, fast wie ein Roman..


Vielen Dank und viele Grüsse von Jutta

von Jutta am 26. August 2008 um 21:24 Uhr

Dar Pomorza "Seefahrtsromantik"

sehr schöner Bericht über das Leben an Bord. Tolles Schiff und viele gute Bilder.


 


Danke Herr Kapitän Kurc.


Viele Grüße, bitte weiter so.

von Gast am 26. August 2008 um 18:49 Uhr

Seeteufel

 . . .  da fallen mir doch glatt die Bücher vom alten Seeteufel "Gaf Luckner" (Graf Felix v. Luckner)  ein. Nur das war aus etwas früheren Zeiten.  Jedoch war damals die Seefahrt noch echte Handarbeit wie auf jedem Segelschiff. Und dieser Luckner hat auch hin und wieder ein Schiffchen versenkt. Das macht unser Käpt'n Prem Kurc mit Sicherheit nur noch in seiner heimischen Badewanne beim Landurlaub.

von Ankerreiniger am 26. August 2008 um 11:05 Uhr

Erinnerungen an alte Zeiten!

Ich habe selber den Beruf des Matrosen der Handelsschifffahrt erlernt und erinnere mich auch heute noch an viele schöne aber auch anstrengende Tage während meiner Ausbildungszeit. Um so mehr verstehe ich Ihre Gedanken und Gefühlen, wenn man ein Schiff wieder sieht, auf dem man ein Teil seiner Jugend verbracht hat. Toller Bericht!


Liebe Grüße Andy

von Gast am 26. August 2008 um 02:42 Uhr

Wiedersehen mit der Vergangenheit.

Ein sehr schön geschriebener und lesenswerter Bericht und ganz tolle Bilder. Bitte mehr davon.


Liebe Grüße


Walter

von walter.k am 26. August 2008 um 00:47 Uhr

Wow!

Ein tolles Schiff, tolle Bilder und ein schöner Bericht ! Bitte mehr davon ! Kein Wunder, dass sie so davon schwärmen, wenn man diese schönen Bilder sieht...:o)

von Nordlys am 26. August 2008 um 00:37 Uhr

Dar Pomorza

Hallo, Herr Kapitän Kurc!


Es ist schön, wenn Sie aus Ihrem erlebnisreichen Leben berichten.


Sehr informativ! Recht vielen Dank!


 


Liebe Grüße von


Ihren AIDA Fans 

von AIDA Fans am 26. August 2008 um 00:19 Uhr

Dar Pomorza

schöner Bericht über die alte Seefahrt, und schönes Schiff.Bei diesen Erfahrungen die man macht lernt man glaube ich sehr viel von der Seefahrt.Es ist bestimmt eine harte Ausbildung auf den alten Segelschiffen,aber bestimmt auch lehrreich.Mir hat der Bericht gut gefallen .


LG Udo

von Udo am 26. August 2008 um 00:02 Uhr

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